30 Prozent eines Ameisenbaus tun scheinbar nichts. Keine Brutpflege, keine Verteidigung, keine Nahrungssuche – einfach nichts. Für Biologen war das lange ein Rätsel: Warum sollte ein System Energie in etwas investieren, das offensichtlich keinen Beitrag leistet? Die Antwort verändert auch den Blick auf den menschlichen Organismus: Resilienz ist nicht das, was ständig in Betrieb ist. Sie ist das, was in Reserve bleibt.

Was Resilienz biologisch bedeutet

Resilienz wird in der Forschung nicht als feste Eigenschaft verstanden, die man entweder hat oder nicht – sondern als dynamischer Prozess. Southwick und Charney (2012) beschreiben Resilienz als die Fähigkeit eines Organismus, unter Belastung adaptiv zu reagieren und sich anschließend zu regenerieren. Kalisch, Müller und Tüscher (2015) gehen weiter und zeigen: Resilienz entsteht nicht in einem einzelnen System, sondern im Zusammenspiel mehrerer neurobiologischer Regelkreise, die gemeinsam bestimmen, wie viel Anpassungsspielraum überhaupt zur Verfügung steht. Entscheidend ist damit nicht, wie viel ein System leistet, während es funktioniert – sondern wie viel Reserve es hat, wenn die Last zunimmt.

Die unsichtbaren Arbeiterinnen

Genau diese Reserve ließ sich bei Ameisenkolonien direkt beobachten. Charbonneau, Hillis und Dornhaus (2015) dokumentierten, dass ein erheblicher Teil der Tiere in einer Kolonie über lange Zeiträume inaktiv bleibt – nicht aus Erschöpfung, sondern als stabiles Verhaltensmuster. Wird der Bau beschädigt oder fällt ein Teil der aktiven Arbeiterinnen aus, übernehmen genau diese zuvor „untätigen“ Tiere die Regeneration. Sie sind kein Ausfall im System. Sie sind der Teil des Systems, der für den Ernstfall vorgehalten wird.

Warum Dauerbetrieb Reserven aufzehrt

Beim Menschen funktioniert dieses Prinzip ähnlich – nur dass wir es selten als Reserve erkennen, sondern als Leerlauf missdeuten. McEwen (1998) beschreibt mit dem Konzept der allostatischen Last, wie ein Organismus, der dauerhaft in Aktivität und Anpassung verharrt, seine physiologischen Regulationssysteme über die Zeit erschöpft: Cortisol, Blutdruck, Immunmarker – alles, was kurzfristig der Bewältigung dient, wird bei fehlender Erholung zur Belastung. Ein System ohne Ruhephasen baut keine Reserve auf. Es zehrt sie auf, noch bevor sie gebraucht wird.

Viele Zugänge zu derselben Reserve

Resilienz speist sich dabei nicht aus einer einzelnen Quelle. Feder, Nestler und Charney (2009) zeigen in ihrer Übersicht zu den psychobiologischen Mechanismen der Resilienz, dass neuroendokrine, autonome, immunologische und metabolische Systeme gemeinsam daran beteiligt sind, wie viel Anpassungskapazität ein Organismus zur Verfügung hat. Bewegung, Nahrung, Atmung, Naturkontakt und soziale Verbindung wirken deshalb nicht nebeneinander, sondern auf dasselbe zugrunde liegende System – aus unterschiedlichen Richtungen auf denselben Speicher.

Was das bedeutet

Reserve entsteht nicht durch mehr Aktivität, mehr Optimierung, mehr Funktionieren. Sie entsteht dort, wo einem System erlaubt wird, nicht ständig im Einsatz zu sein. Deshalb ist die Frage nach dem größten Hebel wichtiger als eine weitere To-do-Liste: Welches System braucht gerade am dringendsten Erholung, damit im Ernstfall überhaupt eine Reserve zur Verfügung steht – beziehungsweise: Wie willst du deine Reserven nach einer intensiven Lebensphase wieder auffüllen?

Wo stehst du gerade?

Ob nach einem Verlust, einer Diagnose, einem Abschied oder einem erzwungenen Jobwechsel – nach einer intensiven Lebensphase stellt sich die Frage, ob du im Funktionsmodus gelandet bist und wie du deine Reserven wieder auffüllen kannst.

Die Regenerationsanalyse stellt keine Diagnose und benennt keine Symptome. Sie befundet, welches System – Nervensystem, Stoffwechsel, Immunsystem – gerade am meisten in „Schieflage“ geraten ist – und wo der Hebel mit der größten Wirkung liegt.

Quellen

  • Southwick, S.M. & Charney, D.S. (2012): Resilience: The Science of Mastering Life’s Greatest Challenges. Cambridge University Press.
  • Kalisch, R., Müller, M.B. & Tüscher, O. (2015): A conceptual framework for the neurobiological study of resilience. Behavioral and Brain Sciences, 38, e92.
  • Charbonneau, D., Hillis, N. & Dornhaus, A. (2015): ‘Lazy’ in nature: ant colony time budgets show high ‘inactivity’ in the field as well as the lab. Insectes Sociaux, 62(1), 31–35.
  • McEwen, B.S. (1998): Protective and damaging effects of stress mediators. New England Journal of Medicine, 338(3), 171–179.
  • Feder, A., Nestler, E.J. & Charney, D.S. (2009): Psychobiological mechanisms of resilience. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 446–457.